METRIPOLIST MEETS

In unserer Interview-Reihe #MetripolistMeets treffen wir interessante Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst, Design, Fashion, Publishing und Reisen und stellen ihnen die Fragen, die wahrscheinlich jeden von uns beschäftigen. Viel Spaß beim Lesen!

MAXIMILIAN DAMMANN

7. Mai 2020

Als Tausendsassa im Bereich Beauty mischt Maximilian Dammann (25) in den verschiedensten Tätigkeitsfeldern der Branche mit. Sein neuestes Projekt ist die eigene PR- und Kreativagentur Studio Dammann, welche sich gerade in der Gründungsphase befindet. In unserem Gespräch geht es unter anderem um Beauty-Trends, das Entwickeln von Talenten und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen.

_____________________________________________________________________________________________

Wie sagst du, wenn jemand fragt, was du beruflich machst?
 
Das könnte eine recht lange Antwort werden …
 
Das habe ich mir gedacht! Aber wir haben ja Zeit.
 
Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren international und auf selbständiger Basis als Model, bin aber gleichzeitig gelernter Friseur und Make-up Artist, Beauty Experte und Creative Director. Zudem schreibe ich als freier Autor Artikel im Bereich Beauty für verschiedene Auftraggeber.
 
Das ist ja ein recht breites Portfolio an Tätigkeiten. Erzähl mal, wie es dazu kam!

Ich wusste schon als kleiner Junge, also ziemlich früh, was ich machen wollte. Eine große Inspiration war für mich meine Oma, die gelernte Friseurin ist. Durch sie bin ich zum ersten Mal mit dem Beruf des Friseurs in Berührung gekommen und ab diesem Zeitpunkt begann sich meine Faszination für alles, was mit Schönheit zu tun hat, zu entwickeln.

Was würdest du jemandem raten, der im Bereich Beauty beruflich durchstarten möchte?

Es ist super wichtig, dass man Interesse an Beauty Themen, aber vor allem auch an Menschen hat. Man arbeitet in dieser Branche nun einmal viel mit Menschen und an Menschen, weshalb es wichtig ist, dass man den Kontakt mag. Man muss aber natürlich auch das notwendige Talent besitzen. Bei manchen zeigt es sich sehr früh, während andere ihre Talente und Fähigkeiten erst im Laufe des Lebens entdecken. Ich sag mal so: Es ist schwierig Talent zu lernen. Es ist da, oder eben nicht. Aber es kann durchaus sein, dass unerkannte Neigungen oder Fähigkeiten in einem schlummern, die einfach noch nicht entdeckt wurden. Wenn man bestimmte Dinge angeht und einfach mal ausprobiert, lässt sich auf spielerische Art und Weise Verborgenes herauskitzeln.

Das ist, finde ich, ein toller Ansatz. Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass spielerisches Ausprobieren in der Gesellschaft nicht wirklich erwünscht ist. Wir sollen uns lieber für einen Berufsweg entscheiden und diesen konsequent durchziehen. Sonst heißt es schnell, man hätte Brüche im Lebenslauf. Wie siehst du das?
 
Das stimmt, da bin ich ganz deiner Meinung. Die meisten Menschen haben jedoch Talente und Interessen in mehreren Bereichen, weshalb es doch total schade wäre, sich nur auf einen konzentrieren zu dürfen. Wobei es am Anfang durchaus Sinn machen kann, mit einem Thema anzufangen, damit man sich Step by Step etwas aufbauen kann. Sonst wird der Tätigkeitsbereich schnell zu groß und man verliert seinen Fokus. Ein Casting Director eines bekannten Lifestyle Magazins sagte einmal zu mir: "Du musst dich auf eine Sache konzentrieren, sonst nehmen dich die Leute nicht ernst und du wirst nicht erfolgreich!“ Das kann sicherlich ein guter Rat sein, gerade wenn man noch am Anfang seiner Karriere steht. Andererseits finde ich, dass man sich nicht von Ratschlägen aus dem Umfeld einschüchtern lassen sollte. Es gibt kein richtig oder falsch, sondern nur passend oder unpassend. Am erfolgreichsten ist man, denke ich, wenn man seiner Passion folgt. Dann macht man meist intuitiv das, was sich im Moment stimmig und richtig anfühlt. Und das wiederum führt dann automatisch zum nächsten logischen Schritt.
 
Du hast am Anfang deiner Karriere eine Friseurausbildung bei Udo Walz in Berlin gemacht. Wie war es, von einem der großen Meister der Branche lernen zu dürfen?

Total spannend! Berlin ist sowieso eine Stadt für sich. Und Udo Walz ist ein ganz toller Mensch, mit dem ich mich super verstanden haben. Ich durfte meine Ausbildungszeit beim ihm um ein halbes Jahr verkürzen, weil ich den entsprechenden Notendurchschnitt vorweisen konnte. So war ich in zweieinhalb Jahren fertig. In dieser Zeit habe ich mit verschiedensten Menschen gearbeitet und den oft sehr hektischen Alltag im Salon mit all seinen Seiten kennengelernt. Wenn man mit unterschiedlichsten Charakteren zusammenarbeitet, läuft der Tag nicht immer wie geplant, es passieren auch Fehler oder es kommt zu Streitigkeiten. Alles in allem war das größte Learning aus dieser Zeit zu erleben, wie ein Team funktioniert und welche Rolle ich selbst darin einnehme.

Demnach eine wertvolle Zeit, um dich selbst besser kennenzulernen?
 
Auf jeden Fall. Im Team zu arbeiten ist eine Erfahrung, die einem hilft, besser zu sich selbst zu finden.
 
Glaubst du, dass man am meisten über sich selbst im Kontext anderer Menschen lernt?

Ich finde es wichtig, hin und wieder mit anderen zusammenzuarbeiten, um sich selbst besser reflektieren zu können. Jeder sieht dich anders und jeder hat eine andere Meinung. Ich persönlich schätze den Meinungsaustausch sehr, daraus habe ich immer sehr viel für mich mitgenommen. Gerade wenn es jemanden im Team gab, dem ich besonders vertraue, habe ich es stets als super Gelegenheit gesehen, um ein ehrliches Feedback zu bitten. Darüber hinaus können natürlich Familie oder enge Freunde auch ein guter Spiegel sein. Das setzt aber voraus, dass man keinen Schonkurs miteinander fährt, sondern auch mal eine ehrliche, ungefilterte Meinung aussprechen kann. Grundsätzlich arbeite ich gerne im Team und würde mich als gutes Teammitglied beschreiben. Gleichzeitig mag ich es aber auch, ab und zu alleine an Aufgaben zu arbeiten. Ich bewege mich also zwischen beiden Welten, je nach Projekt und je nachdem, was zum entsprechenden Zeitpunkt am sinnvollsten ist.

Böse Zungen behaupten, in der Beauty Branche herrsche ein eisiger Konkurrenzkampf. Kannst du das bestätigen?

Teils teils. Persönlich halte ich nichts von solchen Verhaltensweisen, sondern denke lieber in Kooperation, statt in Konkurrenz. Ein miteinander ist mir immer angenehmer, aber man begegnet hin und wieder Menschen, die das scheinbar anders sehen. Oftmals entsteht ein Konkurrenzkampf daraus, dass sich jemand von der Kompetenz eines anderen bedroht fühlt. Das finde ich schade, denn man könnte ja stattdessen die Gelegenheit nutzen, um voneinander zu lernen.

Welche sind aus deiner Sicht die derzeit wichtigsten Beauty-Trends?

Es gibt ja ständig neue Trends, aber ich persönlich bin ihnen nie wirklich gefolgt. Ich habe mir stattdessen die Dinge herausgepickt, die gut zu mir passen und die sich über die Zeit bewährt haben. Was aber wohl immer „in“ sein wird ist eine gute Skincare-Routine, das heißt eine gute Reinigung sowie gute ergänzende Produkte, mit denen man das Hautbild nachhaltig verbessern kann. Ich weise meine Kunden stets darauf hin, dass es sich lohnt, hier konsequent zu sein. Dann hat man eine solide Basis, auf die man aufsetzen kann, sollte man sein Pflegeprogramm erweitern wollen.

Wenn du jemand neues triffst, worauf achtest du dann am meisten?
 
Ich habe einen Scannerblick! (lacht)
 
Das heißt, dir entgeht nichts?

Ich liebe es einfach, in einem schönen Café zu sitzen und Menschen zu beobachten. Dabei schaue mir alles an: Körperhaltung, Mimik, Gestik, Haare, Augen, Zähne und so weiter. Also alles, was dazugehört. Ich finde, all diese Komponenten zusammen machen die Einzigartigkeit eines Menschen aus. Da geht es also keineswegs nur um ein perfektes Make-up oder eine tolle Frisur.

Achtest du auch auf Mode?

Auf jeden Fall! Dadurch, dass ich auch als Model arbeite werde ich oft „in Outfits gesteckt“, weshalb ich natürlich auch sehr auf Mode achte. Gerade jetzt in der Corona-Zeit versuche ich, nicht nur in Jogginghose herumzusitzen, sondern mir auch hin und wieder die Mühe zu machen, etwas Ordentliches anzuziehen.

Kannst du dich an deine schlimmste Modesünde erinnern?
 
Oh ja! Besonders wenn ich an die Schulzeit zurückdenke, fällt mir einiges ein. Da war quasi alles an No-Gos dabei, von strassbesetzen Shirts über bunte Hüte bis hin zu crazy Brillen. Wobei ich Brillen liebe! Ich muss zwar keine tragen, aber ich habe heute mit Sicherheit über 100 Modelle im Regal.
 
Du bist allein durchs Modeln sehr viel in der Welt unterwegs. Hast du einen Lieblingsort?

Eine meiner absoluten Lieblingsstädte ist Wien. Die Stadt flashed mich jedes Mal, wenn ich dort bin. Ich mag einfach das Flair, die Architektur, die traumhaften Altbauten und die schönen Museen. Außerdem liebe ich die Wiener Kaffeekultur. Die Wiener lassen es sich gerne gut gehen und das finde ich toll. Wenn ich Make-ups oder Haarstylings mache, ziehe ich die hierfür notwendige Inspiration aus den Eindrücken, die ich aus Orten wie Wien mitnehme. Es sind also eher Orte und Menschen, die mich inspirieren, als irgendwelche Beauty-Trends oder Vorbilder aus der Branche. Auch die Natur, Farben, Musik oder Bücher sind riesige Inspirationsquellen.

Du bist gerade dabei, deine eigene PR- und Kreativagentur Studio Dammann zu gründen. Was ist die Idee dahinter?
 
Ich habe in letzten Jahren bereits den ein oder anderen Kunden für Shootings oder sonstige Aufträge mitgebucht. Es werden meist mehrere Models oder Artisten gesucht und ich habe ein ganz gutes Netzwerk aus Menschen, mit denen ich bereits erfolgreich zusammengearbeitet habe, in der Hinterhand. So kam es, dass ich hin und wieder die entsprechenden Referenzen weitergeleitet habe und dies war der Anfang des Ganzen. Da ich es zudem mag, Konzepte zu entwickeln, habe ich auch hiermit angefangen und festgestellt, dass diese Art von Dienstleistungen sehr gefragt ist. 
 
In welcher Gründungsphase steckst du gerade?

Ich stehe gerade noch am Anfang, weiß aber schon wo die Reise hingehen soll. Konzept und Philosophie stehen also. Im Moment bin ich gerade dabei die Website zu bauen, mit allem was dazugehört.

Hast du eine klare Vision für dein Vorhaben oder lässt du dich lieber überraschen?

Ich weiß, was ich mit Studio Dammann aufbauen möchte. Aber wenn es anders kommt, wäre es kein Beinbruch. Ich bin kein krasser Planer, denn meist kommt es ohnehin anders, als man denkt. Ich mache einfach das, woran ich Freude habe und konzentriere mich darauf, was ich beeinflussen kann.

Gibt es etwas, was du in deinem Leben bereust?

Tatsächlich nein. Ich bin ein Freund von Fehlern, denn aus ihnen lernt man am Ende am meisten. Ich bin ein Fan davon, Negatives in Positives umzuwandeln und versuche daher immer, das Beste aus jeder Situation herauszuholen.

Hast du ein Lebensmotto oder einen Leitsatz?
 
Das ändert sich hin und wieder. Derzeit wäre es so etwas wie „Genieße den Tag und mache das Beste aus deinen Möglichkeiten“. 


Foto: Marco Sommer
Logo: Winters Tale

 ANNA WOLLENBERG

16. April 2020

Anna Wollenberg (33) ist mit Leidenschaft Architektin. In ihrem Büro, einem idyllisch gelegenen Studio direkt an der Düssel, entstehen die mutigen und zukunftsweisenden Projektentwürfe der Düsseldorferin. Von der Umnutzung einer Kirche über die Gestaltung eines hippen Burgerladens bis hin zur Neugestaltung von Büroflächen sind die unterschiedlichsten Projekte dabei. Annas Interessen sind ebenso vielseitig wie ihre Arbeit. Mehr über beides verrät sie uns in diesem Interview über Architektur, das Reisen und die Herausforderungen im Bereich New Work. 

____________________________________________________________________________________________


Auf deiner Website kann man lesen, du seist Weltentdeckerin, Strukturfuchs, Herzensmensch und Post-It-Organisator in einer Person. Eine spannende Mischung! Was hat es zum Beispiel mit der Weltentdeckerin auf sich?

 

Eine meiner größten Leidenschaften ist das Reisen. Ich bin gerne in der Welt unterwegs, das inspiriert mich am meisten. Jetzt haben mein Mann und ich in den letzten Jahren schon viele Kontinente und Länder gemeinsam erkundet. Wir sind viel mit dem Rucksack unterwegs und jedes Jahr einen Monat wo anders. Meist sind wir nicht länger als zwei Tage an einem Ort und arbeiten uns mit Bussen und Zügen quer durchs Land. Auf diese Weise entdecken wir die Welt! 

 

Wohin ging eure letzte große Reise?

 

Es ging nach Kolumbien und Panama, letztes Jahr war das. Erst sind wir quer durch Kolumbien bis an die Küste gereist und dann weiter nach Panama, wo wir im San-Blas-Archipel segeln waren.

 

Was ist dein größtes Learning aus den vielen Reisen?

 

Ganz klar: geistige Flexibilität. Weil man jeden Tag seine Pläne neu stricken und sich den örtlichen Gegebenheiten und Kulturen anpassen muss. Außerdem lernt man keine Berührungsängste mit neuen Dingen zu haben und vor allem weltoffen zu sein. Diese Erkenntnis ist für mich das größte Learning, denn damit kommt man auch im Leben am weitesten. Ein bisschen Abenteuerbereitschaft gehört sicherlich auch dazu. Die bringt einen an die besten Orte …

 

Im Kontrast zur weltoffenen Entdeckerin steht wiederum der Strukturfuchs. Glaubst du, dass es beide Qualitäten braucht, um in deinem Beruf als Architektin erfolgreich zu sein?

 

Definitiv. Denn es gibt zwar in der Architektur den kreativen Part des Entwerfens, aber auch den bautechnischen Teil und den anschließenden Projektablauf. Letztere folgen eigenen Strukturen und Systematiken. Da muss man diszipliniert und strukturiert arbeiten, sonst kommt man nicht voran.

 

Glaubst du das beide Eigenschaften gleichermaßen wichtig sind, Kreativität und Strukturiertheit? Oder überwiegt eine der beiden?

 

Beides ist gleichermaßen wichtig. Es ist vor allem wichtig, Neugierde und Kreativität mit einzubringen sowie den Mut zu haben, neue Wege zu gehen. Dabei ist es die Herausforderung, sich nicht in Gewohnheiten zu verrennen und immer wieder den gleichen Mustern zu folgen. Manchmal muss man seine Projekte auch aus ganz neuen Blickwinkeln betrachten und sich die Freiheit nehmen Dinge auszuprobieren.  

 

Welches ist dein bisheriges Lieblingsprojekt?

 

Puh, das ist eine wahnsinnig schwierige Frage! Es waren so viele Herzensprojekte dabei, von einem Kolumbarium, also der Umnutzung einer Kirche, über die Gestaltung der Düsseldorfer Burger-Restaurants Bob & Mary in bis hin zur Planung neuer Arbeitswelten im Businessbereich. Im letzten Jahr durfte ich die Düsseldorfer Wohnwochen zusammen mit einem Architektenteam aus dem BDA (Bund Deutscher Architekten) gestalten. Das war eine ganz wunderbare Aktion. 

 

Du arbeitest viel für große Unternehmen und gestaltest deren Büros. Da kommt mir sofort das Thema New Work in den Sinn. Was sind deines Erachtens die neuesten Entwicklungen in diesem Bereich? 

 

Das Thema New Work ist tatsächlich in den letzten Jahren zu meinem Steckenpferd geworden. Ich betreue mittlerweile mehrere Konzerne bei der Strategie und Planung neuer Arbeitswelten. Dort geht es oft darum, wie man das im Bereich Change-Management besprochene von der Theorie in die Praxis überträgt. In der Theorie gibt es oft spannende und auch mutige Ansätze, die aber in der Praxis nicht immer funktionieren. Wenn es in die Umsetzung geht, muss man immer ganz genau auf die Gegebenheiten des einzelnen Unternehmens schauen. Von „oben herab“ Veränderungen zu planen und dann der Belegschaft aufzuoktroyieren, funktioniert nämlich nicht, wenn sie nicht zu den tatsächlichen Bedürfnissen der Mitarbeiter passen.

 

Wo hapert es bei der Umsetzung neuer Ideen am meisten?

 

Ich glaube es scheitert einerseits oft an den Ressourcen und anderseits am Mut, geplantes auch wirklich in Gänze durchzuziehen. Oft wird am Ende dann doch wieder gespart, oder wichtige Details werden weggelassen, weil manchen Beteiligten der Blick fürs Ganzheitliche fehlt. Aber die Projekte, die in aller Konsequenz umgesetzt werden, funktionieren ganz hervorragend. Hier gibt es begeistertes Feedback von allen Seiten. Zudem verbessern sich Kommunikationsstrukturen und Arbeitsabläufe, was wiederum dazu führt, dass eine ganz neue Arbeitsqualität entsteht, die erst durch die Umgestaltung der Räumlichkeiten ermöglicht wurde.

 

Inwiefern beeinflusst unsere Arbeitsumgebung unsere Psyche? Gibt es Studien, die den Zusammenhang von Umgebung und Leistung belegen?

 

Es gibt viele Studien die belegen, dass die Umgebung, in der wir arbeiten einen enorm hohen Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Arbeitsleistung hat. Es gibt jedoch Menschen, die sehr sensibel auf ihre Umgebung reagieren, während andere einen ganz anderen Fokus der räumlichen Wahrnehmung haben. Ein jeder merkt jedoch, direkt oder indirekt, ob das Licht gut oder schlecht oder ob die Ergonomie des Arbeitsplatzes günstig oder ungünstig ist. Besonders auf die Kommunikation im Unternehmen kann die Gestaltung von Arbeitsräumen sehr stark einwirken. Und wenn diese schlecht ist, äußerst sich das schnell in Ineffizienz und Frust unter den Mitarbeitern.

 

Gibt es zum Thema New Work Unternehmen, die aus deiner Sicht mit gutem Beispiel vorangehen?

 

Eine super Benchmark ist für mich der Möbelhersteller Vitra. Die haben verstanden, dass arbeitsorientierte Themen in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen werden. Auf ihrem Campus in Weil am Rhein haben sie wunderbare Arbeitswelten geschaffen, die ein tolles Beispiel dafür sind, wie ein gelungenes Zusammenspiel aus Architektur, Innenarchitektur und Produktdesign aussehen kann. Wer Lust hat sich zu diesen Themen inspirieren zu lassen, sollte dem Campus auf jeden Fall einen Besuch abstatten. 

 

Jetzt ist Vitra ja eine Schweizer Firma. Wie sieht es denn in Deutschland aus? Oder würdest du sagen, dass andere Länder innovativer sind, als wir?

 

Ja, das sind sie definitiv! Die deutsche Architektur ist eher konventionell und konservativ. Wenn man hingegen nach Skandinavien schaut, merkt man schnell, dass dort das Bauen ganz anders gedacht wird. Wir lassen uns deshalb bei vielen Projekten von Skandinavien inspirieren, weil diese Länder ganz klar Vorreiter in Sachen Architektur und Städteplanung sind. Die Planungen sind dort durchdachter, weitreichender und ganzheitlicher.

 

Glaubst du, dass dies auch mit dem doch sehr anderen Umgang mit sozialen Themen und Wohnungsbau in diesen Ländern hat? 

 

Auf jeden Fall! Architektur ist dort gleichbedeutend mit dem gebauten Raum und damit auch mit dem Heimatgefühl, das man mit einem Ort verbindet. Das haben die Skandinavier früh erkannt und ich denke es trägt dazu bei, dass dort nachhaltiger geplant wird. Wenn ich ein Gebäude baue, dann baue ich immer im Kontext des Ortes, des Nutzers und der Zeit. Mit jedem Bauwerk entsteht nicht nur Raum, sondern auch ein Zwischenraum, der sich in das Gesamtgefüge des Ortes eingliedern muss.

 

 Gibt es einen Architekten, den du als Vorbild betrachtest?

 

Da gibt es das Architekturbüro Atelier 5, das sind für mich ganz klar Pioniere der urbanen Architektur. Oscar Niemeyer, der brasilianische Architekt, der den Mut hatte, andere Wege zu gehen. Außerdem ist mein Städtebau-Professor, Professor Degen, ein ganz persönliches Vorbild. Er hat mir beigebracht, wie gute Grundrisse und guter Städtebau funktionieren und wie man die Besonderheiten eines Ortes erkennt, entwickelt und herausarbeitet.

 

Wir sind ja hier in Düsseldorf. Wie findest du die Düsseldorfer Architektur?

 

 

Schweigen …?

 

Ich sag mal so: Die alte Düsseldorfer Architektur changiert zwischen gruseligen Bauten und exzellenten Projekten. Es gibt ein wunderschönes modernes Schauspielhaus. Es gibt tolle Büros, die super schöne Projekte umsetzen und dann gibt es eben einige Entwickler, die in erster Linie profitorientiert sind, und das sieht man dem Ergebnis natürlich auch an. 

 

Das hast du jetzt sehr diplomatisch gesagt! 

 

Haha! Ich habe es versucht.

 

Architektur ist ja bis heute eine ziemlich Männerdomäne. Was glaubst du, warum das so ist? Ist es der Historie geschuldet oder gibt es da noch andere Faktoren?

 

Natürlich ist es auch der Historie geschuldet. Zudem ist es aber so, dass es sehr viele Frauen gibt, die zwar Architektur studieren, aber die irgendwann aus der Karriereleiter aussteigen, wenn Kinder ein Thema werden. Aber das ist ja allgemein ein Thema und nicht nur unter Architekten. Bei uns an der Uni saßen im Hörsaal über 50% Frauen, aber man findet sie dann nur selten im Berufsleben wieder, schon gar nicht in Führungspositionen. Das müsste ja so nicht sein, aber ich glaube da hinken wir gesellschaftlich noch ein wenig hinterher. 

 

Du bist ja letzten Herbst auch Mama geworden. Wie bekommst du das mit deinem Berufsalltag unter einen Hut?

 

Mein Mann und ich haben uns darauf geeinigt, dass er ein Jahr Elternzeit nimmt. Somit habe ich die Gelegenheit, meinem Beruf und Leidenschaft weiterhin nachzugehen und mein Mann kümmert sich tagsüber um unseren Sohn. Ich habe aber auch das Glück, mir in meiner Selbständigkeit die Zeit derart flexibel einteilen zu können, dass ich mein Kind und meinen Mann trotzdem noch viel sehen kann. Wir verbringen viel Zeit miteinander, ohne dass Job oder Familie leidet. Das bedeutet aber ein besonders großes Maß an Organisation, man muss die Tage und Wochen schon gut strukturieren. Besonders in arbeitsintensiven Phasen oder wenn die Projekte generell anspruchsvoll sind. Es es ist und bleibt also ein Spagat. Ich bin dabei sehr froh über die Rückendeckung meines Mannes. Früher konnte ich so lange arbeiten, wie ich wollte. Jetzt warten daheim zwei Menschen auf mich und dem versuche ich natürlich, so gut es geht, gerecht zu werden. 

 

Glaubst du, dass diese neue zeitliche Begrenzung zu deiner Produktivität beiträgt?

 

Total! Ich bin jetzt tatsächlich viel schneller und effizienter. Man fokussiert sich eben auf das Wesentliche, weil es nicht anders geht.

 

Dein Credo lautet „Leidenschaft entsteht immer dann, wenn die Phantasie die Wirklichkeit mitreißt“. Wie entsteht bei dir die notwendige Phantasie für deine Projekte? Mit anderen Worten: Wie fütterst du deine Kreativität?

 

Viel Inspiration bringen mir die vielen Reisen, die wir machen. Dabei lasse ich bebaute oder auch unbebaute Städte, Landschaften und Architektur auf mich wirken und ziehe daraus neue Ideen. Außerdem ist Kunst für mich schon immer eine wichtige Inspirationsquelle gewesen. Schon als Kind bin ich mit meinem Papa in alle hiesigen Ausstellungen gewandert und bis heute ist dies eine große Leidenschaft von mir. Zusammen mit der Vielfalt, die einem die Umwelt und auch die Stadt Düsseldorf an Veranstaltungen, Kultur und Austausch mit Kollegen bringt, ergibt das einen bunten Blumenstrauß an Inspiration.

 

Was ist das Schönste an deinem Beruf?

 

Das schönste daran ist es, ein Ergebnis zu sehen, andere Menschen zu inspirieren und Projekte zu realisieren, von denen alle beteiligten einen klaren Mehrwert haben. Ich finde es einfach wichtig, Werte zu schaffen und etwas zu geben.


Fotos: Anna Wollenberg

PAUL SCHRADER

26. März 2020


Seine großformatigen, oft farbenfrohen Bilder sind aus der Kunstszene nicht mehr wegzudenken. Wir reden von Paul Schrader (39), dem sympathischen Hamburger Künstler, der seinen Job als Rechtsanwalt Anfang 2019 an den Nagel hing, um in Vollzeit in der Kunstwelt durchzustarten. Wir sprachen in seinem wunderschönen Hamburger Atelier über die Bedeutung von Kunst, Kindheitsträume und Inspiration.
 
_____________________________________________________________________________________________

Was wolltest du als Kind werden?

 

Pilot! Ich fand die Atmosphäre am Flughafen immer so schön. Das Reisen und Aufbrechen der Menschen dort haben mich inspiriert. Und dieser Blick über die Wattewolken … Das ist wohl das Schönste, was man als Pilot haben kann. Dazu das immer gute Wetter und die Sterne. Das Verträumte daran hat mich sehr gereizt.

 

Hast du diesen Berufswunsch denn auch als Erwachsener verfolgt?

 

Ich habe nach dem Abi tatsächlich einen Test bei der Lufthansa gemacht und diesen auch bestanden. Allerdings hatte ich dann zu viele Punkte in Flensburg … 

 

Mist!

 

Ja. Ich hätte ganze vier Jahre warten müssen, bis die Punkte verfallen wären. 

 

Und dann?

 

Dann ist es Jura geworden.

 

Was ja auch nicht das Schlechteste ist.

 

Das stimmt!

 

Aber nochmal zurück zur Schule. Welches war dort dein Lieblingsfach? 

 

Ganz klar: Kunst.

 

Die Liebe zur Kunst hat sich also schon früh gezeigt?

 

Ich wusste schon immer, dass das Meins ist. Ich weiß sogar noch, als wir damals mit der Schule in der Paul Klee Ausstellung in der Kunsthalle waren, in der vierten oder fünften Klasse, oder so. Dort wurden wir herumgeführt und durften anschließend malen. Dann haben wir Kinder gefragt, ob unsere Bilder denn auch mal so berühmt werden, wie diejenigen, die dort an den Wänden hängen. Da haben die Erwachsenen natürlich gelacht. Ich finde es spannend, wie der Kunst von Kindern so wenig Wert zugesprochen wird, zumal diese eigentlich gar nicht weniger wertvoll ist, als die von Erwachsenen. Dieser Unterschied wird einzig und allein von der Gesellschaft gemacht. Wobei Kinder natürlich, rein technisch gesehen, noch nicht so „gut“ malen können.

 

Das führt mich direkt zur nächsten Frage. Was ist für dich gute Kunst? Kann man das überhaupt genau sagen?

 

Darüber was Kunst eigentlich ist, denke ich Tage und auch Nächte lang nach. Und was gute Kunst ist, das ist noch deutlich schwieriger zu definieren. Für mich persönlich ist gute Kunst, wenn der Künstler mit Leidenschaft arbeitet und man diese als Betrachter im Bild sehen kann. Dann ist es auch egal, was für ein Stil, was für eine Epoche, was für eine Richtung es ist. Man merkt dann einfach, mit wie viel Engagement oder Liebe zum Detail jemand etwas kreiert hat und das spiegelt sich im Kunstwerk. Diese Leidenschaft wird lange Zeit über das Bild transportiert, es wird zu etwas zeitlosem. 

 

Welche Rolle hat deiner Meinung nach Kunst heutzutage? Soll sie inspirieren, herausfordern, einen Dialog fördern oder vielleicht etwas ganz anderes?

 

Ich finde, dass Kunst zwei grobe Richtungen hat: das Konzeptionelle und das Sinnliche. Das Konzeptionelle versucht ja immer, dem Betrachter etwas zu erklären. Das Kunstwerk oder die Skulptur soll nicht nur optisch wirken, sondern auch intellektuell etwas im Betrachter auslösen. Bei dem Sinnlichen versucht man hingegen, genau wie bei einer Melodie, die Sinne und die Gefühlsebene zu treffen, ohne dass dort eine intellektuelle Komponente oder ein besonderes Story-Telling dahinterstecken muss. Man kann nicht mit technischen Begriffen erklären, weshalb eine Melodie einen anspricht. Und für mich ist es bei Kunst genauso: Sie berührt einen, oder eben nicht. Das Schönste, was man als Künstler schaffen kann ist es, dass jemand stehenbleibt, nicht um die Erklärung zum Kunstwerk zu kriegen, sondern einfach weil es ihn berührt hat. 

 

Woher nimmst du die Inspiration für deine Bilder?

 

Aus inneren Bildwelten, die ich sehe. Diese sind ein wenig wie Traumkollagen aus Farben. Ich stelle mir Farbwelten und Kombinationen vor, die sich in meinem Kopf zu einem Bild zusammenfügen. 

 

Meditierst du, um in diese Farbwelten zu kommen?

 

Nein, sie sind einfach da. Ich habe die weiße Leinwand vor mir und weiß genau, was dort entstehen soll. Manchmal ist es dunkel, manchmal eher hell und pastellig. Vielleicht habe ich tagelang sehr viel Farbe gesehen, dann wird es ganz zurückgenommen und gedeckt. Danach kommt womöglich eine Phase, in der ich wiederum total Lust auf starke Farben habe. Wie bei der Musik auch: Manchmal hat man eben Lust auf Klassik und freitagabends dann auf etwas, das ein wenig mehr „outgoing“ ist.

 

Also spiegelt deine Kunst auch immer deinen Gemütszustand wider?

 

Total! 

 

Gibt es einen besonderen Künstler, an dem du dich orientierst oder der dich besonders stark beeinflusst hat?

 

Ich gehe sehr viel in Museen und Ausstellungen und nehme alles an Inspiration mit, was ich kriegen kann. Das war schon immer so. Mit meiner Oma war ich früher oft in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Das ist mein absolutes Lieblingsmuseum, weil es unglaublich schön gebaut ist und dort immer wunderbare Ausstellungen stattfinden. Und wenn man viel in Museen geht ist klar, dass man auch mit vielen verschiedenen Künstlern in Berührung kommt. Sam Francis ist zum Beispiel einer, den ich unfassbar gerne mag. Ich habe das Gefühl, dass er immer im Schatten von Jackson Pollock stand, obwohl er, zumindest aus meiner Sicht, eigentlich spannender ist als Pollock.

 

Warum?

 

Wegen der Gefühlswelt, die er kreiert. Er trifft einen besonderen Punkt, der einen in seinen Bildern versinken lässt. 

 

Er zieht dich also in seinen Bann?

 

Absolut! Ich hätte nichts lieber an der Wand als einen Sam Francis.

 

Du bist ja sehr viel unterwegs. Was ist ein Ort, der dich in letzter Zeit so richtig geflashed hat?

 

Los Angeles fand ich bei meinem letzten Besuch wirklich außergewöhnlich. Besonders The Broad Museum ist krass. Die Stadt ist zwar riesig, sodass man immer mit dem Auto unterwegs ist, aber dafür ist sie auch ultra facettenreich. Und das Licht dort ist der Hammer! Das war eindeutig eines der schönsten Erlebnisse im letzten Jahr. Die Art Basel finde ich auch immer super, weil man dort so viele alte Meister neben neuen Künstlern auf einem Flecken Erde findet, wie sonst nirgendwo. Diese unglaubliche Vielfalt kann kein Museum der Welt bieten. Dort kann man sich problemlos drei, vier Tage treiben lassen und Inspiration tanken.

 

Hast du eigentlich eine Vision für deine Kunst? Gibt es ein konkretes Ziel, das du damit erreichen möchtest? 

 

Ich arbeite jeden Tag daran, meine Kunst zu formen, aber es gibt keinen wirklichen Endpunkt. Ich stelle mir meine Arbeit eigentlich so vor, wie eine Quelle, die sprudelt. Deshalb macht es mir nicht allzu viel aus, Bilder zu verkaufen. Ich trenne mich zwar ungern von ihnen, aber ich weiß, dass ich nicht alle behalten kann. Ich hoffe, dass die Quelle der Kreativität nicht versiegt und dass es so ist, wie beim Schwimmen oder Fahrradfahren. Das verlernt man halt nie! Ich finde es gut, wenn immer wieder eine weiße Leinwand da ist und man sie neu füllen kann. Wenn eine Serie funktioniert ist das schön und gut, aber damit zu brechen und etwas Neues zu wagen ist das eigentliche Ziel. Es wird nie fertig oder komplett sein und man wird nie ankommen, aber genau das ist das Schöne daran. 

 

Verbindest du Kreativität mit Druck? Oder bist du in dieser Hinsicht eher gelassen?

 

Die schönste Vorstellung ist, dass man zehn oder zwölf Bilder hat und dann eine Ausstellung plant, zumindest ist es in einer optimalen Welt so. In der Realität sieht es oft anders aus, da kommen hin und wieder Angebote für Ausstellungen dazwischen, die ich nicht absagen mag. Dann entsteht plötzlich Zeitdruck, aber manchmal beflügelt mich das auch. Wenn Kreativität mit der Brechstange erzwungen wird, finde ich es nicht gut. Aber ein bisschen Druck in richtigen Dosen ist ganz gut, um seinen Arsch hochzukriegen (lacht). 

 

Kannst du dir vorstellen auch was ganz anderes zu machen, oder hast du als Künstler deinen Traumberuf gefunden?

 

Klar. Ich habe ja als Anwalt bereits etwas ganz anderes gemacht. Aber das hier ist schon mein Traumberuf. Er fühlt sich meist gar nicht wie ein Beruf an! Aber was ich schon spannend finde, sind verschiedene Side-Businesses. Die stehen zwar nicht im Fokus, aber es gibt auf jeden Fall Projekte, die mich interessieren und nichts mit Kunst zu tun haben.

 

Hast du eigentlich ein Lebensmotto oder ein Credo?

 

Nö! (lacht)


Foto links: Isa Daur
Foto rechts: Nicole Niewiadomski